Plädoyer für den Verzicht
oder die transformative Kraft
der Qualität

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Es ist seit Wochen und Monaten Dauerthema in den Medien, an Stammtischen quer durch’s Land und seit gestern auch im Bundesratszimmer: die Wohnraum-Knappheit und steigende Mieten.

Nimmt die Nachfrage, befeuert durch Bevölkerungswachstum sowie einer durch die Individualisierung überproportional steigenden Anzahl an Haushalten ungebremst zu, wird die eigentlich nötige Angebotsausweitung durch Überregulierung, ineffiziente Behördenprozesse sowie gestiegene Rohstoff- und Kapitalkosten gleichzeitig empfindlich ausgebremst. Die Wohnwelt ist aus dem Gleichgewicht. Dazwischen toben politische Ränkespiele um die Deutungshoheit des Geschehens und damit der möglichen Lösungen. Im Moment hat Team «Staatsmacht» gefühlt leicht Überhand gegenüber Team «Der Markt macht’s» – mindestens in urbanen Räumen wie Zürich, wo die Wohnraumknappheit am akutesten ist. Dabei scheinen die in den Stadträten und sonstigen Amtstuben erzankten Entscheidungen zu gewissen Bauprojekten und politischen Vorstössen mit jeder geschriebenen Zeile in den Medien und z.T. wider besseres Wissen an Kuriosität zuzunehmen - bis an die Grenze des Absurden.

Wohnraumknappheit ein Thema gekommen, um für lange Zeit zu bleiben.

Warum?
Ganz einfach. Mit hoffentlich fortlaufendem wirtschaftlichem Erfolg der Schweiz (selbst wenn nur relativ zu den Nachbarländern) wird weder das Bevölkerungswachstum abnehmen noch die Individualisierung der Gesellschaft sich ins Gegenteil verkehren. Wer schon mal ein Baugesuch eingereicht hat, weiss zudem, dass die Behörden immer häufiger ihr Bestes geben, damit es ein möglichst langer und beschwerlicher Weg bis zur Baufreigabe wird. Und schliesslich kann man, zugegebenermassen etwas vereinfacht dargestellt, mit einiger Gewissheit behaupten, dass sich die zweidimensionale Ausdehnung unseres Landes unter normalen Umständen nicht verändern wird. Ganz sicher nicht nach aussen und aus mehr oder weniger gewollten Gründen (Raum- und Zonenplanung&Co.) wohl auch nur sehr stark verzögert und in beschränktem Mass nach innen. D.h. auch wenn wir über die viel zitierte Verdichtung in die dritte Dimension denken, sorgen Phänomene wie NIMBY (not in my backyard) immer wieder dafür, dass es sowohl öffentlich-rechtlich wie auch privatrechtlich genügend Möglichkeiten und Gründe gibt, Bauprojekte nicht Realität werden zu lassen.

Anhaltend hohe Nachfrage trifft auf geringes Angebot basiert auf einer finiten Ressource.

Was also tun?
Angesichts der Ressourcenknappheit und der anhaltenden Individualisierung sind wir bei der Microliving AG überzeugt davon, dass es mittel bis langfristig als Teil der Lösung nicht ohne (Flächen-) Verzicht gehen wird. Dabei sind wir bei unserer täglichen Arbeit immer wieder erstaunt darüber, wie negativ behaftet das Wort Verzicht und damit indirekt auch die Wohnform Microliving teilweise wahrgenommen werden – auch innerhalb unserer Industrie und der Politik - wenn es um die Mitgestaltung der Schweizer Wohnzukunft geht. Dabei ist Verzicht ein an sich neutraler Begriff, der erst im Kontext seiner Anwendung – nämlich freiwillig oder erzwungen - seine entweder positive oder negative Konnotation erhält.   

Mittlerweile dürfte es dabei aber völlig unbestritten sein, dass wir uns als Gesellschaft in allen relevanten Fragen und nicht nur der des Wohnens an einem Punkt befinden, an dem wir uns fragen müssen, was genügt. Wie viel ist genug? Genug für den Einzelnen. Genug für die Gesellschaft. Genug, damit «es» noch funktioniert. Heute und in Zukunft. Es ist nicht mehr die Frage, ob wir verzichten, sondern wann und wie es uns gelingt, aus dem Weniger mehr zu machen.

Die Frage, wie lebt oder in unserem konkreten Fall wohnt man, ist deshalb auf’s Engste verbunden mit der Frage, was genügt. Dabei können und müssen wir als Anbieter einen im besten Fall entscheidenden Beitrag zur Antwortfindung leisten. Es ist deshalb unsere dringlichste Aufgabe und Verantwortung, unser Angebot an Klein-Wohnraum so zu gestalten, dass sich der Verzicht wie ein Gewinn und nicht wie ein Verlust anfühlt. Der erfolgreiche Weg dahin führt primär über die Qualität des gestalteten Raumes und nicht über die Grösse der angebotenen Fläche. Qualität als Leitvorstellung einer kleinflächigen Wohnzukunft, sozusagen.

Verzicht ist nur dann negativ, wenn er entweder erzwungen oder als Alternativ-Angebot zum Zuviel einfach schlecht gemacht ist.

Wir möchten an dieser Stelle John von Düffel zitieren, der sich in seinem Stundenbuch zukunftsweisende Gedanken über Minimalismus und Klarheit gemacht hat. In wunderbarer Weise liefert er mögliche Antworten zu den aktuellen Herausforderungen und beschreibt, warum es sich einfacher reist mit leichtem Gepäck. Nicht nur, aber auch für die wachsende Gemeinschaft von Lebensabschnitts-Nomaden und Gesellschafts-Solisten.

"Genug ist nicht viel.
Genug ist das Mass, das einem entspricht.
Nicht für alle Ewigkeit, sondern in der Zeit.

Genug ist, wenn sich Bedürfnis und Befriedigung entsprechen, wenn Denken und Handeln zusammengehen. Wenn das, was man braucht, im Einklang mit dem ist, was man will.

Genug ist das stärkste Argument gegen das Zuviel.
Kein Verzicht, sondern letztlich die Erfüllung.
Genug ist das Resultat der persönlichen Zurücknahme und die Erkenntnis des Wesentlichen.
Weniger aber Wesentliches.

Die Freiheit schliesslich, ist das eingelöste Versprechen des Verzichts. Es ist der grösstmögliche Gewinn.

Und das Freiheitsbedürfnis ist der unbändigste immaterielle Drang des Menschen."

Verzicht als die neue Freiheit – nicht nur, aber auch beim Wohnraum.

Wir sehen dies in unserer Sache gleich in zweierlei Hinsicht erfüllt. Einerseits soll die wachsende Anzahl an Menschen, die sich auf einer Solo-Lebensreise mit weniger Gepäck befinden, auch das passende Wohnraumangebot für diese Lebensform vorfinden. Klein, aber fein. Wir müssen also nicht einfach nur mehr, sondern auch das Richtige bauen. Wir müssen in Co-Evolution zur Gesellschaft bauen. Das, was zur Gesellschaft passt. Andererseits ist es an Industrie und Politik, ihre Vorbehalte gegenüber dieser Wohnform abzustreifen und sich von Konventionen und falschen Vorstellungen frei zumachen.

Der Erkenntnis, dass die Ressource «Fläche» am Ende des Tages endlich ist, muss der Wille zum Wenigen und damit die Wertschätzung des Verzichts folgen. Und wenn der Wertschätzung des Verzichts die Würdigung der Qualität folgt, werden Mikrowohnformen einen relevanten Beitrag zur Wohnzukunft leisten.

Je früher das passiert, desto besser.