Raum als Ressource: Die Grundlage unseres städtischen Lebens

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Die Grundfläche der Erde ist endlich und der Raum, der auf ihr liegt entsprechend eine begrenzte Ressource. Beherzigen wir diesen Fakt, ergeben sich daraus konkrete Anforderungen an die Quantität und Qualität unserer Wohnfläche. Die Gründe dafür liegen in Fragen der Nachhaltigkeit und planetarer Grenzen.

 

 

Grafik: Planetare Grenzen entsprechend des Stockholm Resilience Centre

 

Ressourcenbewusster Umgang mit Raum: Eine Frage von Nachhaltigkeit und planetarer Grenzen

Die Endlichkeit der Ressourcen unseres Planeten und ihre Auswirkung ist in den letzten Jahrzenten immer weiter ins Zentrum der Gesellschaft vorgedrungen. Zum Ende des letzten Jahrhunderts legten einflussreiche Studien wie „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome (1972)[ii] und „Our common future”, der Brundlandt-Kommision (1984)[iii] im Auftrag der Vereinten Nationen das Fundament für dieses Verständnis und begründeten den Begriff der Nachhaltigkeit. „Nachhaltigkeit“ ist heute zu einem komplexen, vernetzten Themenfeld geworden. Im Kern beschreibt es eine zukunftsfähige, gerechte Balance der drei Aspekte Wirtschaft, Gesellschaft und Ökologie für heutige und kommende Generationen.

Dass diese Zukunftsfähigkeit an ihre Grenzen stößt, ist in einer weiteren, weit beachteten Studienreihe um den schwedischen Resilienzforscher Johan Rockström[iv], [v], [vi] belegt: Diese Ergebnisse zeigen planetare Grenzen auf, außerhalb derer das System Erde nicht mehr in der Lage ist, sich zu erholen (siehe Grafik). Steigt beispielsweise die CO²-Konzentration in der Atmosphäre über einen gewissen Kipppunkt hinaus, schädigt dies irreversibel lebenserhaltende Erdsysteme. Mit jährlich fast 40% hat der Bau- und Gebäudesektor entsprechend Kalkulationen der Vereinten Nationen einen erheblichen Anteil an diesen CO²-Emissionen[vii]. Mehr noch: Die planetare Grenze „Landnutzungsänderung“ (siehe Grafik: „Land-System Change“) beschreibt ein kritisches Ausmaß an Waldfläche, welches droht durch Urbanisierung und andere Nutzungen bzw. Abholzung unterschritten zu werden. Dies würde zu negativen Auswirkungen auf die Artenvielfalt, den Kohlenstoffkreislauf und andere Umweltaspekte führen.

Ändert sich also nichts an unserer Art Raum zu umbauen und zu betreiben, wird es schwierig langfristig auf diesem Planeten zu leben.

Bestandsaufnahme: Bedeutung von Raum für das Leben in der Stadt

In Städten ist Raum aufgrund der höheren Dichte besonders begrenzt. Historisch gesehen, waren europäische Städte lange durch ihre kompakte, dichte Struktur geprägt - eine Bauform, die durch Nähe wirtschaftliche, soziale und kulturelle Dynamik und funktionale Diversität ermöglichte. Durch Stadtmauern begrenzt, entstand Funktionsvielfalt notwendigerweise durch Verdichtung. Auch wenn diese physischen Grenzen heute meist verschwunden sind, wirken neue, weniger sichtbare Flächenkonkurrenzen im Inneren und Äußeren der Stadt, denen wir uns bewusst stellen müssen.

Nach außen hin sollte eine Ausdehnung aufgrund der Konversion von Grünflächen und damit der Beeinträchtigung planetarer Grenzen kritisch gesehen werden. Denn natürliche, nicht durch Ackerbau genutzte Grünflächen sind wichtig, um CO² zu absorbieren und eine möglichst große Artenvielfalt zu bewahren.

Im Inneren der Stadt wird die Ressource Raum für eine Vielzahl unterschiedlicher Zwecke des täglichen Lebens beansprucht. Der Verkehr verlangt nach Straßen, Wegen und Schieneninfrastruktur. Und auch innerhalb der Stadt sind Klimaresilienz und Biodiversität auf grüne und blaue Infrastrukturen wie Parks, Gärten oder Gewässerräume angewiesen. Raum wird außerdem gebraucht für öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäuser, die Grundlage der Daseinsvorsorge sind. Darüber hinaus benötigen auch Arbeitsplätze, Freizeitangebote und nicht zuletzt der Wohnraum Platz.

Diese unterschiedlichen städtischen Funktionen konkurrieren zum Teil miteinander, etwa wenn die Entwicklung hochwertiger Bürostandorte oder das Vorhalten von Infrastrukturflächen für öffentlichen oder Individualverkehr dem dringend benötigten Wohnungsbau entgegenstehen.

Dennoch ist es gerade diese funktionale Mischung, die eine nachhaltige und lebenswerte Stadtstruktur auszeichnet – unabhängig von der Größe einer Stadt.

Vision: Ein bewusster Umgang mit der Ressource Raum

Um diese funktionale Vielfalt zu kultivieren, braucht es einen effektiven und zukunftsfähigen Umgang mit der Ressource Raum und im Speziellen ein bewusstes und komplexes Abwägen zwischen den verschiedenen Nutzungsinteressen. Im Vordergrund sollten dabei Fragen rund um gesellschaftliche Aushandlungsprozesse stehen: Welche Funktionen sind wo besonders wichtig? Welche Kombinationen erzeugen Synergien? Welche Nutzung kann zugunsten einer anderen zurücktreten – und mit welchen langfristigen Folgen?

Eine zentrale Rolle spielt in dieser Hinsicht die Frage, wie viele Menschen auf der begrenzten Fläche ihr Zuhause finden möchten und welche Qualität dieses haben soll.

Mit Bezug auf Rockströms planetare Grenzen, haben Forscher der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt[viii] untersucht wie sich Ressourcen schonen und diese Grenzen einhalten lassen. Neben einem weltweiten Umdenken in Energiesystemen und Landwirtschaft zu weniger CO²-emittierenden und Ökosystem-schonenden Lösungen fällt auch der Konsum von Fläche im Globalen Norden, also auch der Schweiz ins Gewicht. Die Reduktion der Pro-Kopf-Wohnfläche ist wichtig um den Ressourceneinsatz zu optimieren und speziell CO²-Emissionen einzugrenzen. Weitere Studien zeigen, dass dies nicht zu Lasten der Lebensqualität gehen muss: Ein angemessener Standard des alltäglichen Lebens ist aus wissenschaftlicher Sicht zwischen 15 und 30 m² pro Person möglich[ix], [x]. Speziell auf die Schweiz bezogen kalkulieren Studien mit ca. 20 m² je Person für einen angemessenen Lebensstandard und eine damit mögliche gerechte Verteilung von Ressourcen[xi]. Mit weiteren Quadratmetern Wohnfläche würde die Lebensqualität entsprechend nicht nennenswert steigen.

Was folgt daraus?

Kompaktere Wohnformen, die effektiv mit der Ressource Raum umgehen, sollten ein fester Bestandteil städtischer Wohnkonzepte werden. Die Knappheit von Raum sollte uns nicht zum Stillstand oder dem weiteren Einverleiben peripherer Grünflächen verleiten, sondern zu mehr Innovation und einem bewussten Umgang mit Ressourcen anregen. Das gebieten nicht nur unsere beanspruchten planetaren Grenzen, sondern auch der Zweck der Städte selbst: Denn Dichte, also die Nähe vieler Menschen zueinander und auf begrenzter Fläche, ist Grundlage städtischen Lebens und fördert gesellschaftlichen Austausch, kulturelle Produktion und wirtschaftliche Synergien.

Wenn wir auf weniger Wohnfläche wohnen, kommt es umso mehr auf ihre Qualität an: Wie optimal ist die Wohnung geschnitten, wie ist die Belichtung, gibt es genug Aufbewahrungsmöglichkeiten, sind die Materialien angenehm, gibt es Möglichkeiten zur Einflussnahme und Individualisierung. Denn die Qualität der Wohnung entscheidet über das Wohlbefinden ihrer Bewohner und muss eine Identifikation mit ihr ermöglichen. Wir brauchen keine nüchternen Kapseln, sondern ein individuelles Zuhause.

Die Initiative zur Nachverdichtung unserer Städte kann jedoch nicht allein aus dem Bausektor kommen. Das Ziel die Ressource Raum effektiver und gerechter zu teilen, muss von der Breite der Gesellschaft angenommen, getragen und aktiv eingefordert werden – und in politischen, rechtlichen Willen übersetzt werden. Die Knappheit von Raum ist etwas Natürliches in der Stadt. Es gilt dies nicht als Verlust, sondern als Treiber von Innovation, Vernetzung und Anker einer nachhaltigen Stadtentwicklung zu verstehen.

 

 


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Literatur

[i] Grafik: Azote für Stockholm Resilience Centre, basierend auf Analysen in Richardson et al. 2023.

[ii] Meadows, D. H., Meadows, D. L., Randers, J., & Behrens, W. W. (1972). Die Grenzen des Wachstums: Ein Bericht für das Projekt des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Universe Books.

[iii] World Commission on Environment and Development (1987). Our common future. Oxford University Press.

[iv] Rockström, J., Steffen, W., Noone, K., Persson, Å., et al. (2009). Planetary boundaries: Exploring the safe operating space for humanity. Ecology and Society, 14(2), 32.

[v] Steffen, W., Richardson, K., Rockström, J., Cornell, S. E., et al. (2015). Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet. Science, 347(6223).

[vi] Richardson, J., Steffen, W., Lucht, W., Bendtsen, J., Cornell, S. E., et al. (2023). Earth beyond six of nine planetary boundaries. Science Advances, 9(37).

[vii] United Nations Environment Programme & Yale Center for Ecosystems + Architecture (2023). Building materials and the climate: Constructing a new future.

[viii] Schlesier, H., Schäfer, M., & Desing, H. (2024). Measuring the doughnut: A good life for all is possible within planetary boundaries. Journal of Cleaner Production, 448.

[ix] Millward-Hopkins, J., Steinberger, J. K., Rao, N. D., & Oswald, Y. (2020). Providing decent living with minimum energy: A global scenario. Global Environmental Change, 65.

[x] Rao, N. D., & Min, J. (2018). Decent living standards: Material prerequisites for human wellbeing. Social Indicators Research, 138, 225–244.

[xi] Millward-Hopkins, J., Fisch-Romito, V., Nick, S., et al. (2025). Energy requirements for securing wellbeing in Switzerland and the space for affluence and inequality. Nature Communications, 16, 4066.